In Wirtschaftstexten der Regionalpresse ist brauchbarer Nutzwert angekommen

Die Wirtschaftsberichterstattung in regionalen Tageszeitungen ist in den vergangenen vier Jahrzehnten wesentlich nutzwertiger geworden. Während 1970 nur jeder 71. Beitrag praktischen Nutzwert für den Leser enthielt, war dies 1990 schon bei jedem 27. Artikel der Fall. Im Jahr 2010 war jeder 9. Wirtschaftsartikel für den Leser praktisch anwendbar – eine Steigerung um den Faktor Acht. Dennoch beherrschen Ratgebung, Tipps und Hinweise den Wirtschaftsjournalismus in der Regionalpresse nicht, zumal bei der journalistischen Umsetzung der Nutzwert-Beiträge noch Defizite vorhanden sind. Das sind Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie, die die Fachzeitschrift message in ihrer aktuellen Ausgabe Nr. 2/2012 veröffentlicht hat. Der Autor Ronny G. Bürckholdt hat für seine Abschlussarbeit „Nutzwertjournalismus in der Wirtschaftsberichterstattung regionaler Tageszeitungen“ im Leipziger Studiengang Diplom-Journalistik rund 7.000 Wirtschaftsbeiträge in 216 Ausgaben der Zeitungen Münchner Merkur, Stuttgarter Nachrichten und Kölner Stadt-Anzeiger aus den Jahren 1970, 1990 und 2010 inhaltsanalytisch untersucht. Zudem befragte er die Ressortchefs der entsprechenden Blätter.

Während der Autor beim Münchner Merkur von 2010 fast sieben Mal mehr nutzwertige Merkmale nachwies als in den Ausgaben von 1970, hat der Kölner Stadt-Anzeiger in seiner Wirtschaftsberichterstattung den Nutzwert „nur“ um den Faktor 2,5 gesteigert. Die Stuttgarter Nachrichten liegen mit einer vierfachen Erhöhung dazwischen. Als nutzwertig galten Artikel, die eine Handlungsanweisung oder einen Problemlösungsvorschlag enthielten, den Leser bei einer Kaufentscheidung unterstützten, eine Warnung aussprachen oder weiterführende Informationsquellen nannten.

Der Merkur hatte dabei 2010 auch im Vergleich zu den anderen Blättern die Nase vorn, was auch daran liegen könnte, dass er als Einzige der untersuchten Zeitungen täglich eine eigene Nutzwertseite mit Wirtschaftsthemen bringt. Somit konkurriert der praktische Nutzwert nicht mit der nachrichtlichen Berichterstattung auf den anderen Wirtschaftsseiten um knappen Platz, vermutet Autor Bürckholdt.

PR-Einfluss über die Jahrzehnte gesunken

Der Auffassung, dass Nutzwertjournalismus besonders anfällig für PR-Einflüsse und Schleichwerbung ist, stimmten die befragten Ressortleiter zu. In der Untersuchung fanden sich 2010 bei drei Prozent aller Artikel mit Nutzwert, dass diese von PR induziert waren. Das waren zwar doppelt so viele wie bei nicht-nutzwertigen Wirtschaftsbeiträgen, doch über den gesamten Zeitraum von 41 Jahren betrachtet ist die Zahl von PR-Beiträgen überraschenderweise gesunken.

Bürckholdt erklärt dies damit, dass zum einen Jubelartikel auf Aktiengesellschaften früherer Jahrzehnte inzwischen seltener erscheinen. Zum anderen sind die 20-Jahres-Abstände zwischen den Stichproben so groß, dass die jüngeren Entwicklungen nicht erfasst werden können.

Viel Nutzwert von externen Dienstleistern

Anders als vor zwei Jahrzehnten beziehen die Redaktionen einen großen Teil der nutzwertigen Angebote von externen Anbietern. Jeder dritte nutzwertige Wirtschaftsbeitrag (33,1 Prozent) stammte 2010 von einem auf Nutzwertjournalismus spezialisierten Büro. Jeder fünfte Beitrag (21,8 Prozent) kam von einer Nachrichtenagentur; Gastautoren und nicht erkennbare Quellen machten rund 17 Prozent der Gesamtleistung aus.

Damit schrumpfte die redaktionelle Eigenleistung auf 27,7 Prozent, während 1970 und 1990 noch rund die Hälfte der Wirtschaftsbeiträge mit Nutzwert von der Redaktion selbst stammte. Indem die Zeitungen externe Dienstleister in Anspruch nehmen, können zwar auch kleine Redaktionen den Lesern praktischen Nutzwert bieten, doch geben sie mit der Recherche einen wichtiger Teil ihrer journalistischen Kernaufgabe aus ihrer Hand.

Defizite bei der Umsetzung

Dass die Leser aus ihren Regionalzeitungen inzwischen einiges an Nutzwert herausholen können, heißt noch lange nicht, dass die Wirtschaftsberichterstattung dort nicht noch einige Schwachstellen aufweist. Wie Bürckholdt weiter herausfand, hat der Wirtschaftsjournalismus in der Regionalpresse in folgenden vier Bereichen Nachholbedarf:

  • Weil die Journalisten nur wenige Darstellungsformen verwenden, wirkt die Berichterstattung eintönig und unattraktiv.
  • In vielen Fällen erfahren die Leser nicht klar, aus welchen Quellen die jeweiligen Informationen stammen. Insgesamt stützen sich nutzwertige Texte auf weniger genannte Quellen als nicht-nutzwertige Beiträge.
  • Auch wenn der Anteil über die Jahrzehnte gesunken ist, wird bei der Themenauswahl auffällig häufig die Rolle des Geldanlegers und Aktionärs bedient.
  • Jeder zweite Wirtschaftsbeitrag mit praktischem Nutzwert ist sprachlich schwer verständlich. Vor allem wegen nicht erklärter Fachausdrücke – 2010 noch bei drei von zehn Artikeln anzutreffen – kann die nützliche Absicht des Autors auf dem Weg zum Leser verlorengehen.

Der Wirtschaftsjournalismus hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten stark verändert und will den Leser nicht nur informieren, sondern ihn auch in seiner Rolle als Verbraucher, Sparer und etwa als Energiekunde im Alltag unterstützen. Wie aus anderen Studien bekannt ist, erwarten dies auch die Leser von ihrer Regionalzeitung, weil sie heute in den zahlreichen liberalisierten Märkten mehr Entscheidungen selbst treffen müssen als früher. (ek)