Archiv der Kategorie: Nutzwertjournalismus

Warnstreik bei Computerbild gegen Tarifflucht

Mit einem Warnstreik haben Redakteure der Zeitschriften Computerbild, Computerbild Spiele und Audio Video Foto-Bild (Axel-Springer-Verlag) heute gegen die Ausgliederung ihrer Redaktionen in die tariffreie Tochtergesellschaft Computer Bild Digital GmbH protestiert. Das NDR-Fernsehen berichtet [Link erloschen] von 50 Streikenden. Sie folgten dem Aufruf der Gewerkschaften Deutscher Journalisten-Verband (DJV) und Verdi.

Die Axel Springer AG hatte Ende Februar bekanntgegeben, die Print- und Online-Redaktionen außerhalb des Mutterhauses zusammenzulegen. Betroffen sind rund 90 Mitarbeiter der Printredaktionen. Begründet wird der Schritt mit den sinkenden Verkaufszahlen im Bereich der Computerzeitschriften. Im vierten Quartal 2011 verloren IT-Titel zwischen 6 Prozent (c’t) und 23 Prozent (Chip) ihrer verkauften Auflage gegenüber dem Vorjahr. Computerbild verkaufte im vierten Quartal 2011 durchschnittlich 502.420 Exemplare – 15,3 Prozent weniger als Ende 2010.

Unklar ist, welchen Anteil daran das Anfang 2011 eingeführte neue Layout der Computerbild hatte, das bei einem kleineren Papierformat einen zunehmend technischen, „männlich-starken“ Eindruck erweckte. Bis dahin lag der Anteil an Frauen unter den Lesern der Computerbild bei 20 Prozent, was für eine Technikzeitschrift einen hohen Wert darstellt.

Zur nun geplanten Zusammenführung von Print- und Online-Redaktion in einer neuen Gesellschaft gebe es keine „wirtschaftlich vertretbaren Alternativen“, sagte Springer-Vorstand Mathias Döpfner. Stefan Endter vom DJV Hamburg hielt dem Verlag dagegen seinen aktuellen Rekordgewinn entgegen. „Der bereinigte Konzernüberschuss ist im Jahr 2011 um über 21 Prozent auf 343 Millionen Euro gesteigert worden“, sagte er dem Deutschlandfunk.

Mit dem Warnstreik hat der Konflikt einen vorläufigen Höhepunkt erreicht, nachdem die Computerbild-Redakteure bereits zwei offene Briefe an Döpfner geschrieben hatten. Weniger die Zusammenlegung von Print und Online als die Ausgliederung kritisieren sie. Kollegen von Konkurrenztiteln aus dem Heise Zeitschriftenverlag erklärten sich mit ihnen solidarisch. Die zu erwartenden Einschnitte bei der journalistischen Qualität würde damit nicht aufzuhalten sein, sondern im Gegenteil den Leserschwund „noch dramatisch beschleunigen“. (ek)

Links:

(Hinweis: Der Autor war von 1998 bis 2002 Redakteur der Zeitschrift „Computerbild“.)

Presserat rügt PC-Anleitung zu illegalem Handeln

Weil das Ansehen der Presse verletzt sei, hat der Deutsche Presserat am Freitag eine öffentliche Rüge gegen die Computerzeitschrift PC-Magazin (Weka Publishing) ausgesprochen. Die Zeitschrift hatte einen Beitrag unter der Überschrift „Quellen der Raubkopierer“ veröffentlicht, in dem verschiedene Möglichkeiten zum illegalen Download von Musik, Filmen und Software aus dem Internet beschrieben und konkrete Websites dazu genannt wurden. Angekündigt wurde der Artikel auf der Titelseite mit der Schlagzeile „Hier saugen Profi-Piraten“ und dem Hinweis „So haben Polizei und Abmahner keine Chance“.

Das Medienmagazin Zapp (NDR) hatte am 9. November 2011 ausführlich über fragwürdige Tipps bei diversen Computerzeitschriften berichtet [Link erloschen], darunter auch über den nun vom Presserat gerügten Artikel. Im Beitrag ärgerte sich Matthias Leonardy, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen, besonders darüber, dass sich solche Berichte als Anleitungen und Aufforderungen zum illegalen Handeln verstehen lassen und nicht als reine Beschreibungen dessen, was verboten ist.

Zuletzt hatte der Presserat im März 2009 eine öffentlichen Rüge gegen die Computerzeitschrift PC-Welt (Verlag IDG Magazine Media GmbH) mit gleichem Tenor ausgesprochen. Sie hatte in der Ausgabe 10/2008 ausführlich illegale Hackertools vorgestellt. Die Zeitschrift PC-Magazin hatte der Presserat bereits 2006 in zwei Fällen für ähnlich gelagerte Veröffentlichungen gerügt. (ek)

UVK verzichtet auf Neuauflage von „Nutzwertjournalismus“

Der Verlag UVK hat offenbar nicht mehr vor, das Lehrbuch „Nutzwertjournalismus“ von Christoph Fasel neu aufzulegen. Das Buch ist erstmals im Jahr 2004 in der Reihe „Praktischer Journalismus“ erschienen. Auf der Internetseite des Verlags steht inzwischen unter Verfügbarkeit: „Erscheint nicht mehr.“ Seit Jahren hatte der Verlag im Sechs-Monats-Rhythmus eine Neuauflage angekündigt, das Erscheinen dann aber immer wieder verschoben.

Update 23.03.2012: Kunden, die die zweite Auflage als Vorabbestellung geordert hatten, erhielten inzwischen auch einen Brief mit dem Hinweis „keine Neuauflage geplant“.

Neue „Test“-Chefredakteurin kommt von „Focus Online“

Chefredakteurin der Zeitschrift „Test“ der Stiftung Warentest soll ab Januar 2012 die derzeitige, stellvertretende Chefredakteurin von „Focus Online“ (Hubert Burda Media), Anita Stocker, werden. Sie löst Hubertus Primus ab, der dann zum Vorstand der Stiftung bestellt wird. Die ausgebildete Tageszeitungsjournalistin gehörte zum Gründungsteam von „Focus Online“, das im Januar 1996 startete. Nach einer Unterbrechung von 2003 bis 2006, in der sie beim Wirtschaftsmagazin „Capital“ (Gruner und Jahr) arbeitete, leitete Stocker verschiedene Ressorts bei „Focus Online“, bevor sie 2008 zur stellvertretenden Chefredakteurin aufstieg.

Die Stiftung hatte eine Person mit „hoher Internetaffinität“ gesucht, die „neue Ideen mitbringt“. Die Stiftung habe einen Strategieprozess hinter sich, den es nun umzusetzen gelte. Die Zeitschrift „Test“ erscheint monatlich und hat derzeit eine verkaufte Auflage von rund 500.000. Wie der Printbereich insgesamt muss sich die Publikation einem veränderten Leserverhalten gerade jüngerer Menschen stellen. (ek)

Neuauflage von „Nutzwertjournalismus“ verspätet sich abermals

coverNWJ-2_01Ein weiteres Mal hat der Verlag UVK die Neuauflage des Lehrbuchs „Nutzwertjournalismus“ von Christoph Fasel verschoben. Kunden, die vergangene Woche die zweite Auflage bestellt haben, schrieb der Verlag jetzt, das Buch werde im Januar 2012 erscheinen. Bis dahin hatte es auf der Homepage geheißen, das Buch sei für „August 2011“ geplant. Inzwischen steht dort als geplantes Erscheinungsdatum „Februar 2012“.

Das Buch von Christoph Fasel und 21 weiteren Autoren ist erstmals im Jahr 2004 in der Reihe „Praktischer Journalismus“ erschienen. Seit Jahren kündigt UVK im Sechs-Monats-Rhythmus eine Neuauflage an, verschiebt deren Erscheinen dann aber immer wieder. (ek)

Weimer geht, Focus bleibt wohl dem Nutzwert treu

focus-combi-baurNach einem Jahr in der Chefredaktion verlässt Wolfram Weimer das Magazin Focus (Hubert Burda Media). Die Doppelspitze wird aufgelöst, alleiniger Chefredakteur ist jetzt Uli Baur. Dies habe der Burda-Verlag am heutigen Dienstag intern den Mitarbeitern mitgeteilt, heißt es in verschiedenen Presseberichten.

Mit Weimer geht ein Reformer, der von der Zeitschrift Cicero zum Focus gewechselt war, um dem Wochenmagazin mehr „Relevanz“ zu verleihen. Baur dagegen steht wie Ex-Chefredakteur und Herausgeber Helmut Markwort für eine Nutzwert-Ausrichtung. Somit ist ein Relaunch in Richtung eines „intellektuellen“ Nachrichtenmagazins, das dem Spiegel Konkurrenz machen könnte, wohl zunächst vom Tisch.

Die Süddeutsche Zeitung hatte vergangene Woche von Streitereien zwischen beiden Chefredakteuren berichtet und vermutet, einer von beiden werde wohl gehen müssen. (ek)

Nutzwert oder mehr Relevanz? Focus vor einer Richtungsentscheidung

focus-combiDie im Herbst 2009 geplante Neuorientierung des Magazins Focus (Hubert Burda Media) weg von einem Nutzwert-orientierten hin zu einem Nachrichten-Magazin vom Typ Der Spiegel steht Medienberichten zufolge offenbar vor einer entscheidenden Weichenstellung. Wie die Süddeutsche Zeitung am Mittwoch berichtete, stehen sich die beiden amtierenden Chefredakteure des Focus, Wolfram Weimer und Uli Baur, mit unterschiedlichen Blattkonzepten unversöhnlich gegenüber.

Weimer ist seit März 2010 in der Chefredaktion, Baur seit Gründung von Focus im Jahr 1993 Stellvertreter des Chefredakteurs, seit November 2004 Chefredakteur. Im Oktober 2009 hatte Burda Weimer als Chefredakteur angekündigt und sich von ihm eine Neuausrichtung des Wochenmagazins gewünscht – hin zu mehr ‚harten‘ Geschichten, weg vom Nutzwert. Mehr ‚Spiegel‘, weniger ‚Guter Rat‘, wie kress.de damals berichtete. Baur steht dagegen für das bewährte Nutzwert-Konzept.

Die Süddeutsche schrieb von „Reibereien“ und „Zoff“ zwischen beiden, weshalb einer der beiden Chefredakteure wohl gehen werde. Von Burda hieß es dazu gegenüber Meedia.de, diese Frage stelle sich nicht. „Die beiden sind ein erfolgreiches Team – das belegen auch die Zahlen.“


Burda brachte Focus 1993 unter Chefredakteur Helmut Markwort auf den Markt mit dem Konzept, individueller Nutzen des Lesers habe Vorrang. Später wurde die Verbraucherorientierung deutlicher sichtbar: In den Jahren 1998 bis 2003 widmeten sich 50 bis 73 Prozent aller Titelaufmacher Verbraucherthemen. Nach dem 11. September 2001 war eine Politisierung der Focus-Titelthemen auszumachen. Diese verlief analog zur Titelgestaltung bei anderen Zeitschriften, etwa dem Stern. (ek)